DOING THINGS at NAH DRAN

We had a pleasure to perform Doing things in front of others at NAH DRAN in Berlin!

Big thanks to Gabi Beier and ada Studio team!!

Text zu NAH DRAN (9./10. Februar 2019) von Johanna Ackva

Dinge tun vor den anderen – auch hier bietet sich der Titel als Einleitung in meine Beobachtungen an. Es ist noch nicht losgegangen, da sind Borys, Doro und Lena bereits auf ihren Positionen – Borys links auf einem Stuhl vor der ersten Reihe, Doro an die hintere Wand der Bühne gelehnt, Lena rechts an einem Tisch mit Overheadprojektor – und sie lächeln uns an. Fast scheinen ihre Blicke zu sprechen. Da seid ihr also. Da sind wir also. Seht ihr uns? Wir sehen euch. Dann erlischt das Licht. Im Halbdunkel erkenne ich nur die Umrisse der drei. Der Stuhl quietscht. Der Borys kippelt wohl.

Zack, da ist das Licht zurück. Eine Stehlampe vor ihm strahlt Borys direkt in das lächelnde Gesicht. Zack, da ist sie auch schon wieder aus, denn unter Lenas Fuß steckt die Lampe in einem Stromschalter. Eine Weile geht das so hin und her mit dem aus und an, wobei Borys die Dunkelheit nutzt, um nach und nach sich selbst und die Rahmentrommel, die er leise zu spielen beginnt, auf und am Stuhl in eine Menge ungewöhnlicher Positionen zu bringen und diese immer wieder auch auf ihre Schlaftauglichkeit zu prüfen. Bildhauerei in Fleisch und Blut. Schließlich bleibt bei einem erneuten Klicken die Stehlampe aus und der Overheadprojektor wirft ein helles Viereck an die Wand, das den ganzen Raum erleuchtet.

Da steht Doro, die ihr blaues Hemd zeltartig über dem Kopf nach oben zieht. Sie streckt und krümmt sich, und verwandelt sich dabei vor meinen Augen in ein Wesen mit einem merkwürdig großen Oberkörper oder seltsam aufgeblasenen Schädel. Am Tisch schneidet Lena derweil einen ihr recht ähnlichen Papierkumpanen aus und legt diesen auf den Projektor. Schon sind der großköpfigen Wesen zwei, stehen da und sehen einander an, bis Doro mit zackigen Tanzbewegungen das Lichtbild verlässt.

Es sind diese auf verblüffende Weise magisch wirkende DIY-Ästhetik und das achtsame Neben- und Miteinander der drei Performer*innen mit ihrem jeweils eigenen Medium, welche die subtile Bühnenskizze, die ich mir durchaus in einer länger ausgebauten Version zu sehen wünsche, bis zuletzt zusammenhalten. Kein Bühnenscheinwerfer leuchtet auf, kein Ton kommt aus dem Lautsprecher. Der deus ex machina des Theaters schläft heute Abend. Dafür findet Lena eine Reihe charmanter Möglichkeiten, mit der vor-digitalen Apparatur des Projektors zu spielen, und ihr so allerlei (un)mögliche Landschaften zu entlocken. Borys und Doro verstehen sich hingegen darauf, Klängen und Bewegungen die Möglichkeit zu geben, sich im Raum zu entfalten, mit Bildern, Gefühlen, Erinnerungen zu resonieren, und auf diese Weise lebendig zu werden.

So vermag es Doing things in front of the others tatsächlich, das ada Studio in eine andere Welt zu verwandeln. Dabei erinnert es mich ein wenig an Joan Jonas’ multimediale Performances, in denen auch sie Körper und eine Reihe anderer Medien und Stoffe, wie Video, Zeichnung, Musik, Textil und Skulptur, miteinander verflicht.

Zudem gelingt es den drei Performer*innen, dem Publikum auf außergewöhnliche Art und Weise zu begegnen und so unsere Präsenz in ihre Arbeit miteinzubeziehen. Dabei spielt der Blickkontakt eine prominente Rolle, ein Blickkontakt, der nicht erscheint, als sei er im Vorab als Zeichen mit bestimmter Bedeutung, die von mir dechiffriert werden soll, eingeübt worden. Es ist ein Blickkontakt, der nicht repräsentiert, sondern Präsenz schafft, indem er zwischen den Menschen im Publikum und in der heterogenen Gruppe auf der Bühne einen Möglichkeitsraum, einen Raum der Frage und Begegnung, des Scherzes und der Freundlichkeit eröffnet. Während ich beobachte, mache ich also die Erfahrung, selbst gesehen zu werden, und fühle so, Teil des Geschehens zu sein.

Wenn Lena später auf Doros schelmischen Fingerzeig hin den Lichtrahmen des Projektors langsam bis ins Publikum hinein dreht, wird dies noch stärker deutlich: Eine nach dem anderen werden wir für einen Moment geblendet, die Köpfe wenden sich und wir können nachverfolgen, wie Lena die Menschen in der letzten Reihe in ein schnell hingekritzeltes Bergrelief einarbeitet und das komplette Publikum sodann mithilfe einer Transparentfolie in ein tiefes blaugrün taucht. Eine Farbe, in die ich mich ebenso gerne sinken lasse, wie in die besonnene Ruhe und Hingabe, die zauberhafte Atmosphäre der Zeitlosigkeit.

Insbesondere bei Dorota fällt mir auf, dass ihre Blicke, ihr mit-dem-Publikum-Sein, sie kein einziges Mal aus der Verankerung im Körper und in der Präsenz der stets spürenden und hörenden Bewegungen herausreissen. Sie bewegt sich ebenso in Beziehung zu den anderen, wie zu ihrem eigenen Körper, geht in Kontakt und bleibt zugleich bei sich selbst. So wird ihr Tanz zu einer Erfahrung, an der auch ich teilhaben und zugleich bei mir bleiben darf. Ein Tanz, dem zuzusehen eine wahre Freude ist!”

‘No Rules’ , 12. February 2019

“The improvisation “Doing things in front of the others”, conceived by Dorota Michalak, organically flows into action. One performer sits on a chair at the front of the stage, playing a tambourine with almost imperceptible movements. It is as if the instrument is making sounds by itself. The other performer is poised at a desk, drawing with black and red pens, the results of which are instantly projected onto the back wall. The third performer is silhouetted against the backdrop, her movements amplified by her shadow. Each in tune with the present moment, the three performers appear to be free to act on their impulses, focussing on initiations rather than final destinations. Taking an admirable, compositional risk, they enter a performative state of heightened reception, in which interesting coincidences occur. But the relationship between the performers and their respective disciplines is yet undefined. I wonder, what would happen if they met each other’s eyes?”

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